Die Episode mit den Schuhen

Als die lohnende Pause in Brampton beendet und der frisch geduschte Randonneur alles wieder gerichtet hatte, musste er nur noch seine Schuhe anziehen und konnte weiterfahren.

 

Theoretisch.

 

Da wo er die Schuhe abgestellt hatte, brav im Gang zur Kantine, zehn Meter von der Kreuzung entfernt, standen viel Paare, aber seine nicht.

In den übrigen Gängen standen noch viel, viel mehr Schuhe. Viele Marken, alle Farben und Formen.

Da! Im Hauptgang ein Paar schwarze von Specialized, mit drei Klettverschlüssen, so wie seine. Aaber: keine SQLab Innensohlen und nur Größe 46, nicht 48.

Also sucht er noch einmal alles ab, die Specialized hatte er dabei bestimmt drei Male in der Hand.

 

Nichts! Nichts! Nichts!

Er wendet sich an eine Helferin, die dort Dienst tut. Sie versteht ihn nicht, kann kaum Englisch, er zu wenig Französisch. Aber sie bringt ihn zu Heather, die diese wichtige Kontrolle -nach Yad Moss, vor den schottischen Bergen und – nicht zu vergessen- auch vor Yad Moss- leitet. Also alles noch einmal mit mehreren Helfern abgesucht. Nichts!

 

Jemand muss irrtümlich die Schuhe des Randonneurs mit den großen Füßen genommen haben. Mutmaßlich jemand mit nur gering überdurchschnittlich großen Füßen, dem eigentlich die stehen gelassenen 46er viel besser passen, als die Schuhe des Randonneurs, dieser Glücksfall im Leben eines Mannes auf großem Fuße, der sich in den letzten 40 Jahren seines Lebens angewöhnt hat, alle Schuhe zu kaufen, wenn sie ihm passen und nur halbwegs gefallen.

Heather nötigt ihn, die 46er anzuprobieren. Er fühlt sich wie im Märchen von Aschenputtel- so wird das nichts.

Heather fragt im Team, herum, welche Schuhgrößen die Jungs haben und ob man nicht noch wen mit großen Füßen kennt?! Und richtig, der junge Schwede, Helfer mit Engelsgesicht und langen blonden Locken hat ausgelatschte Mountainbikeschuhe in 13. Sie passen dem Randonneur.

 

Sie passen aber seinem Velomobil nicht. Diese breiten Latschen schleifen außen an der Karosserie, besonders links. Die Cleats verstellen- Fehlanzeige! Abgeschliffen und nur noch halb so dick, wie sie einmal waren. Immerhin halten sie in den Pedalen!

 

Der Besitzer ist bereit, seine Schuhe verstümmeln zu lassen. Das alte Schweizermesser im Gepäck des Randonneurs ist zu stumpf, der Mechanic treibt ein Teppichmesser auf, damit geht es- Der Randonneur schnitzt einige Millimeter der weichen Sohle im Vorfußbereich außen ab. Jetzt passen die Schuhe dem Randonneur und seinem Milan!

Heather will die Kollegen in der Kontrolle in Moffat informieren, damit sie nach schwarzen Specialized Schuhen Ausschau halten.

 

Um 22:34 Uhr, nur 1 ½ Stunden nachdem er aufbrechen wollte, sitzt der Randonneur in seinem Sturmvogel und fährt in die finstere Nacht hinaus, auf der Standardstrecke über die derzeit verkehrsarmen Hauptstraßen nach Moffat. Er lässt sich von den Effekten der Katzenaugen, die den Mittelstreifen der Straßen nachts erkennbar machen unterhalten. Fällt die Straße zu sehr ab („hidden dip“ nennen das die Briten) bekommt die Lichterkette Lücken, die sich wieder schließen, sich neu bilden, verschwinden- hübsch. Und wahrscheinlich bei der tiefen Sitzposition im Velomobil besonders eindrücklich.

Was der Randonneur nicht so hübsch findet, ist, dass seine linke Achillessehne anfängt zu zwicken. Sind das jetzt Nachwehen der vorangegangenen Bergetappe? Liegt es an den Schuhen mit den weichen, flexiblen Sohlen? An beidem zusammen?

Nach 3:15:53 Fahrzeit und 3:23:03 Gesamtzeit sind die 77,4 km und 443 Höhenmeter nach Moffat geschafft. Der Randonneur liegt jetzt nur noch 1:49h vor dem Ende seines Zeitfensters. Dennoch geht es jetzt nach dem Essen erst einmal in den Schlafsaal.

Beim Einchecken wissen die Helfer von der Problem mit den Schuhen, haben aber noch kein entsprechendes Paar gefunden. Nach zwei Stunden Schlaf und einem kurzen Frühstück checkt der Randonneur wieder aus. Die Helfer, die jetzt am Eingang sitzen haben von der Geschichte mit den Schuhen noch nichts gehört. Haben also auch nicht auf die Schuhe der vorbeikommenden Radler geachtet. Hmm.

 

Ob der Randonneur sich den die Schuhe, welch hier gleich am Eingang abgestellt werde, schon angesehen hätte?

Nö, macht er aber natürlich sofort.

Nur steh ihm dabei dieser Typ im Weg, einer von den Amis, die er schon am Yad Moss immer wieder einmal getroffen hatte. Der zog sich gerade ein Paar schwarze Fahrradschuhe aus, weil er vor dem Start noch etwas aus dem Gebäude holen musste.

 

Ein Paar? Schwarz. Specialized. Drei Klettverschlüsse. Blaue Innensohlen mit weißer Schrift.

Das Paar!

Der Randonneur fragt den anderen Randonneur ganz, ganz vorsichtig, ob dieser sich wirklich ganz sicher sei, dass die Schuhe, die er da gerade ausgezogen hatte auch wirklich, ganz bestimmt seine seien?

Natürlich sind sie das!

Sie sehen aber den vermissten Schuhen des Randonneurs zu und zu ähnlich. Hat der andere Randonneur denn auch diese speziellen Innensohlen? Hat er nicht eigentlich Größe 46?

Hat er. John entschuldigt sich für sein Versehen. Dieses Paar hat ihm aber gut gepasst. Er hatte sich gefreut, dass seine Füße während der Pause in Brampton so schön abgeschwollen seien (Kein Wunder, wenn man nach der Pause zwei Nummern größer anzieht!). John rückt die Schuhe auch ohne Widerspruch heraus. Versucht die Story seinen beiden Kumpeln zu erklären. Diese spezielle Innensohle, die Kratzer an den Hacken von den Schrauben, mit denen die Gleitkufen unter den Fußhubbeln des Milans befestigt sind.

Aber John möchte auch wissen, wie er denn jetzt weiterradeln soll? So ohne Schuhe?

 

Der Randonneur weiß eine Lösung. Er geht zu seinem Velomobil und holt die geliehen, handgeschnitzten MTB-Schuhe heraus. Er wird nie wieder seine Schuhe in die Massen der übrigen Radschuhe stellen, sondern direkt am geparkten Velomobil seine Hausschuhe anziehen und die Radschuhe dort lassen, wo sie hingehören- im Rad.

 

John hat ein paar bequeme Schuhe mit Cleats, die an seine Pedale passen. Jedes Mal, wenn der Randonneur ihn trifft, und dascwird auch an diesem Tag ein paar Mal passieren, fragt er John ganz freundlich, ob es John’s Füssen gut geht und hat jedes Mal eine positive Antwort bekommen.

 

Und das Ende dieser Geschichte?

Als der Randonneur am Ende des Tages wieder in Brampton ankommt stehen die handgeschnitzten MTB-Schuhe fein ordentlich neben dem Tisch des Teams am Check-in. Der Randonneur wird sehr, sehr freundlich begrüßt. Man deutet ihm, voll britischen Understatements nur sachte an, was John zu hören bekam, als er mit den Handgeschnitzten zur Tür hereinkam.

 

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