mein PBP

Mein erstes Paris-Brest-Paris
ein großes Volksfest des Radfahrens

Heiner Neumann, Nordhorn

Prolog:

Im September 2014 saßen wir eines Samstags mit guten Freunden auf der Terrasse zum Abgrillen. Da wir uns viel zu selten sehen, waren viele Themen zu besprechen, auch der Ausblick auf die Sportsaison 2015. Unsere Freunde, seit Jahren auf allen möglichen Marathonstrecken unterwegs, berichteten von ihrem Plan, in Roth die Triathlonvolldistanz anzugehen.
Da ich mich seit Jahren durch mein Gewicht mit dem Laufen schwer tue, aber der Triathlon seit der Jugendzeit ein unerfüllter Traum ist , entgegnete ich, dass ich dann ja Paris-Brest- Paris fahren müsste um mithalten zu können.
Am nächsten Tag googelte ich also Paris-Brest- Paris- und war total begeistert. Von der Einstellung, dem sportlich- kameradschaftlichen der Randonneurs, den Erfahrungsberichten im Netz. Große Sehnsucht! Zudem hatte ich mein Velomobil vor einigen Wochen bestellt und mit diesem Gefährt traute ich mir auch eine derartig lange Tour zu. Und ausgerechnet in diesem Jahr sollte es wieder stattfinden! Mit dem „normalen“ Rad 200 bis 300km zu fahren, das konnte ich mir gut vorstellen, Entfernungen darüber hinaus nötigten mir großen Respekt ab und die Vorstellung soo lange auf dem Rennrad zu sitzen machte mir um die neuralgischen Stellen Gesäß, Schultern, Nacken und Handgelenke große Bedenken, aber mit dem Liegerad…?

Jedenfalls eine gute Motivation, bis der Milan da war (19. Dezember) in der Zeit der kürzer werdenden Tage konsequent mit dem E-Bike zur Arbeit nach Rheine zu fahren.
In den Weihnachtsferien half mir meine kluge Tochter, meine Homepage http://www.HPVcontraHPV.me aufzusetzen, auf der ich in größer werdenden Abständen meine Trainigskilometer dokumentierte und hoffte, ein paar Euro für den einen oder anderen dort genannten guten Zweck zu sammeln.
Dort stehen auch meine Eindrücke von den vorbereitenden und für die Qualifikation für PBP notwendigen Brevets über 200, 300 400 und 600 km.

Mein Abschlusstraining bildete dann an einem langen Wochenende die Tour nach Rügen, Donnerstag nach der Arbeit gegen 15:40 in Rheine losgefahren und am Freitag um 15:00 Uhr zum Kaffeetrinken bei der Oma in Neuendorf angekommen.

Vor dem Start:

Monika und ich brachen am Donnerstag nach Frankreich auf, kamen erst am Nachmittag los und also spät abends am Hotel in Ville d’Avray an. Das hatte ich im Internet ausgesucht, weil es nicht zu weit vom Startort in Saint- Quentin- en-Yvelines entfernt, noch dichter bei Versailles und nicht weit von Paris entfernt lag und mit seinem Komfort meiner Monika in der Zeit, die ich unterwegs sein würde alle Bequemlichkeit bieten könnte.

Am Freitag machten wir, nach dem Ausschlafen einen ersten gemeinsamen Ausflug nach Paris mit Louvre, Tuilerien, Champs Élysees- mit dem (neuen) Pino Stufentandem. Das machte bei anderen Randonneuren aus aller Welt (hier den Thais) zum Teil großen Eindruck.

Die Hinfahrt mit vom Hotel ausgedruckter Google Routenbeschreibung war nicht ganz leicht, besonders als wir den Fahrradweg zur Seinebrücke Pont du Sèvres nicht auf Anhieb fanden und uns radebrechend durchfragen mussten. Die Rückfahrt machten wir dann mit dem Garmin- GPS nach Richtung und Gefühl und fuhren durch den Bois du Boulogne über die Pont du St. Cloud den steilen Abhang nach St. Cloud hinauf, warteten den Regenschauer im Supermarkt (Monika) bzw. unterm Dach davor ab und schlugen uns dann noch quer durch den Park vonSt. Cloud wieder zurück zum Hotel durch.

Am Samstag ging es dann- wieder mit dem Tandem- nach Versailles das prächtige Schloss und den Park ansehen. Die Steigung von Ville d’Avray nach Versailles würde ja Montag früh der erste überflüssige Hügel vor PBP sein.

Am Nachmittag fuhren wir dann schon einmal weiter zum Velodrom nach Guyancourt zum Klassentreffen der deutschen Randonneure und schnupperten schon einmal etwas Rennluft. Auf dem Rückweg waren wir dann schon so müde, dass wir auf das Springbrunnenballet im Schlosspark verzichteten, sondern gleich ins Bett gingen

Der Sonntag stand dann schon ganz im Zeichen von PBP. Ich musste mein Vélo vorführen und kam damit auch glatt durch die technische Prüfung ( Video ). Monika kam mit dem Auto nach und wir trafen uns in Straßencafé an der Ecke, das wir Samstag schon voller Radler gesehen hatten und hatten einige nette Stunden zwischen Österreichern, Iren, Briten und einer Kosmopolitin aus London mit südafrikanischem Pass. Die nette Irin habe ich tatsächlich wiedererkannt, als sie mir zwei Tage später wieder entgegenkam. Hier traf ich auch einige der Kollegen aus meinem neuen Verein RSC Lohne, dem ich beigetreten, weil ich die viel Arbeit zur Vorbereitung, die dort geleistet wird, honorieren möchte.

Irgendwie war ich aber die ganze Zeit mit der Einstellung meiner Schaltung nicht zufrieden und versuchte dauernd, sie besser einzustellen. Dabei blockierte die Kette- ich dachte durch ein Verschalten, wie ich es ein paar Mal erlebt hatte- und wollte sie nach dem Abholen aller Unterlagen, der Warnweste und des Trikots wieder richten. Diesmal war es aber ernster, sodass ich die Hilfe der méchaniciens erstmals in Anspruch nehmen musste.
Auf dem Parkplatz fand sich dann schon eine ansehnliche Reihe von „vélos speciaux“, für den Frühstart Montag früh- die meisten machten sich ja zu dieser Zeit schon für den Start am Sonntagnachmittag bereit.

Die Mahlzeit im Velodrom war dann ein bisschen chaotisch- es gab zu wenig Essen und draußen bildete sich eine lange Schlange von hungrigen Radlern, die in der prallen Sonne anstehen mussten. Monika und ich hatten Glück, dass wir rechtzeitig drinnen waren und auch satt wurden.

Die Mechaniker schafften es jedenfalls, das Schaltwerk auszubauen, das verbogenen Schaltauge geradezubiegen und das Schaltwerk wieder einzubauen, schauten mich seehr zweifelnd an, ob ich damit wirklich auf die Reise gehen wollte (Oui, certainement!) und ermahnten mich, vorsichtig damit zu sein.

 

Die Tour:

Der Aufbruch zum Start war schon um kurz vor drei, aber ich war aufgeregt genug, dass ich den Wecker nicht brauchte, hatte am Vorabend alles dreimal in der Hand gehabt und zurechtgelegt und habe somit auch nicht wichtiges vergessen. Ich kam ohne Verkehr auch zügig zum Velodrom und wurde mit den anderen knapp dreißig Spezialrädern gleich in den Startblock gewiesen. Da hatten wir ca. 30 min Zeit zum schwätzen, Pinkeln gehen, noch etwas essen- und plötzlich hieß es: nur noch eine Minute! Locker ging es zunächst durch die nächtlichen Vororte hinter dem Führungsauto hinterher, die Kreisel wurden von den Begleitmotorrädern freigehalten und die meisten roten Ampeln waren somit für uns grün.
https://photos.google.com/photo/AF1QipOuPFbplyzpDaHylEDBy1mvD3fHUZQ-Cy5NeTgg
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Und plötzlich war das Auto vorne weg und wir auf uns allein gestellt. Im lockeren Verband der Liegeräder und Velomobile ging es durch die zunehmend offenere Landschaft und es wurde langsam hell. An einer Stelle sausten wir schnell bergab, die führenden donnerten an dem Abzweig nach links bergauf vorbei, den unsere Route nehmen sollte, nur mein direkter Vordermann hatte aufgepasst und so hatten die ganz schnellen erst einmal wieder etwas aufzuholen. Schon hier begann das Velomobilspiel. Bergauf durch das Gewicht langsamer, als andere konnte ich jenseits der Kuppe wieder überholen und man begegnete sich immer wieder. Manche der Tandems hielten hier noch mit. Ich war mit meinen Beinen sehr zufrieden.

Nach einer Stunde fuhr ich kurz rechts ran, beim Pinkeln rauschte es in meinem Rücken und ich dachte erst, einige der Gruppe hätten mich wieder eingeholt. Es hörte aber gar nicht mehr auf zu rauschen, denn es waren die X-men, die Startgruppe X auf ihren Rennrädern im geschlossenen Verband. So machte das Velomobilspiel natürlich erst recht Spaß: 300 Rennräder bergab en bloc zu überholen- oder bei entsprechendem Verkehr jedenfalls einen ordentlichen Teil von ihnen macht echt Spaß. Und am nächsten Anstieg ziehen sie dann langsam wieder vorbei. Auf diese Weise verging die Zeit wie im Fluge und ich bekam sogar einen der schnellen Velomobilisten (@Guzzi im Velomobilforum) wieder in Sicht, als ein steilerer Anstieg kam, den ich im Berggang auf dem kleinen Ritzel vorn fahren wollte.

Dabei passierte das Malheur mit dem Umwerfer erneut, die Kette wurde blockiert, ich musste aussteigen, den Berg hochschieben und oben sehen was passiert war. Genau wie am Vortag war das Schaltauge verbogen- nichts für die Selbstreparatur. An diesem schönen Sommermorgen gegen 9:00 Uhr , den entladenen Milan quer über dem Straßengraben liegend und – wenn man sie braucht, kommen sie nicht- ohne Zuspruch und Assistenz von der Begleitcrew, dachte ich für eine paar Minuten ans Aufgeben. Dann kam mir in den Sinn, dass ich ebenso gut nach Mortagne au Perche schieben (im Flachen und bergauf bzw. rollen (bergab) könnte und war nach einer Stunde dort. Hier war eine Verpflegungsstelle eingerichtet, auf der Rückfahrt wäre hier auch eine Kontrollstelle, aber auf dem Hinweg waren 140 km für eine Kontrolle noch nicht genug. Mortagne ist Partnergemeinde von Lohne und die Randonneurs du Perche sind mit meinem neuen Club eng befreundet. Mit dem Lohner Trikot wurde ich also besonders herzlich begrüßt und unwahrscheinlich in jeder erdenklichen Hinsicht unterstützt. Zunächst musste ich aber bei dem Fahrradmechaniker an die Reihe kommen. Vor mir waren drei oder vier Rennradler, zwei davon ebenfalls mit ganz ähnlichen Problemen mit ihrem Umwerfer, die sich zum Teil beholfen hatten, nur noch single speed weiter zu fahren, bis sich hier wieder ein neues Schaltauge etc. fand.
Als ich endlich dran war wurde also – wieder- der Umwerfer demontiert. Jetzt war das untere Zahnrädchen ganz offensichtlich kaputt. Und dafür hatte der gute Mann kein Ersatzteil. (ich habe inzwischen dieses Zahnrad als Ursache für den ganzen Schlamassel im Verdacht, auch wenn dessen Schaden am Vortag –leider!!!!- noch nicht so augenscheinlich war: das erklärt die Schwierigkeiten sauber zu schalten, die Geräusche besonders in den kleinen Gängen und das unvermutete Abwerfen der Kette in den Spalt zwischen Zahnkranz und Speichen mit dem desaströsen Ergebnis.) Inzwischen war aber mein Dickkopf wieder erwacht, wenn es sein muss fahre ich eben auch single speed weiter, der Umwerfer war schon demontiert, die Kette schnell entsprechend gekürzt und nach drei Stunden, die ich auch in mein Kontrollheft eingetragen bekam, war ich endlich wieder auf der Strecke- inzwischen allein als letzter auf weiter Flur. Herrlich, endlich fahren können und wenn‘s zu steil wird aussteigen und schieben, das war der Plan.
Nach 2 km kam der erste Dämpfer: die Kette lief auf das nächstgrößere Ritzel hinten und geriet dadurch so unter Spannung, dass sich nichts mehr rund treten ließ. Also Aussteigen, Auspacken, mit der Hand die Kette beim Rückwärtsschieben wieder auf das richtige Ritzel drücken, Finger abwischen, Einpacken, Einsteigen, Weiterfahren… Das wiederholte sich bis zur nächsten Etappe in Villaines la Juhel unzählige Male, bis zu dreimal auf einen Kilometer, da habe ich gelegentlich schon laut vor mich hingeschimpft. Nur konnten mir die freundlichen Leute aus Mortagne, die die Strecke patroulierten und ihre Hife anboten, nicht helfen und waren aber nur schwer davon zu überzeugen, dass ich allein klarkam – und unbedingt weitermachen wollte.

Aber da ist doch dieses Distanzstück auf der Achse von der hinteren Umlenkrolle, dass verhindert, dass die Kette zu weit in die Mitte laufen kann- wenn der Mechaniker in Villaines das verlängern könnte (und der hat eine größere Werkstatt mit mehr Ausrüstung, hatte ich in Mortagne gehört), dann ließe sich diese Problem wohl verringern oder abschaffen. In Villaines kam ich um 17:05 an, nur noch eine Stunde vom Zeitlimit entfernt. An der Kontrollstelle traf ich Otto van Zuilen, einen gebürtigen Niederländer, der bei Villaines einen Bauernhof betreibt, sich zur Betreuung ausländischer Radler gemeldet hatte und zu der Zeit zwar dienstfrei hatte, sich aber mal umsah, was so los war. Zu meinem großen Glück nahm Mhr. van Zuilen mich unter seine Fittiche und begleitete mich zum Mechanikerstand. Dort schilderte ich meinen Wunsch, bekam den Einwand zu hören: „mais le dérailleur?!“, worauf ich den Umwerfer aus der Tasche zog. Ein Blick und die feste Aussage: Schaltungsrädchen haben wir da, andere Marke, aber das macht nix, baue ich dir ein, dann bist du ganz schnell wieder flott, mit allen Gängen. Das klang zu schön um wahr zu sein!!!

Den Derailleur zu reparieren und das Schaltauge zu richten ging in der Tat schnell. Einen neuen Schaltzug in den Drehschalter einzubauen, den er so noch nie gesehen hatte, ging schon nicht mehr. Ich erinnerte mich nicht mehr an den Trick, wie der Zug zu wechseln war, hatte ich das doch vor Monaten in der Werkstatt einmal gesehen, als Sturmvogel auf dem Kopf stand. Aber Ruckzuck und ohne, dass ich dagegen ankam, war der Schalter auseinandergenommen, die Kugellager durcheinander und es passte nicht mehr recht zusammen. Also einen Ersatz eingebaut, auch wenn der nicht für 10 sondern für 8 Gänge eines anderen Herstellers gedacht war. Ein selbst gemachtes Problem gelöst. Unlösbar war dann aber, die Kette wieder um das richtige Maß zu verlängern. Ich hatte die entfernten Glieder leider weggeworfen und nicht eingesackt und gezeigt, dass der Kollege in Mortagne ca. 10- 12 cm entfernt hatte. Zur Sicherheit wurde dann etwas mehr eingefügt um anschließend Stück für Stück wieder herausgekürzt zu werden. Schließlich wurde mir aufgebracht vorgehalten, die Kette sei vorher schon zu lang gewesen, das gehe so ja gar nicht! Nur war leider der erste Gang hinten, auf den der Meister sich bezog das, was sein Schalter als #1 anzeigte und nicht, was für die Kettenlänge wichtiger war, die entsprechenden Position der Kette auf dem größten hinteren Ritzel. Mhr van Zuilen hatte sich nach zwei Stunden zum Melken verabschiedet und vorher noch 2 ½ h Reparaturzeit in mein Heft eintragen lassen, da waren wir alle hoffnungsfroh, bald fertig zu werden. Nach weiteren zwei Stunden wurde mir erklärt, das Problem sei irreparabel, außerdem sei Feierabend und das Essen stehe auf dem Tisch. Mein Einwand, ich sei mit einem Problem, aber einem fahrbereiten Rad gekommen und könne jetzt gar nichts mehr und brauchte nicht unbedingt ein optimales, aber ein besser funktionierendes Rad führte dann zu dem Kompromiss, dass auf die Nutzbarkeit des kleinen Ritzels vorne, also meines Rettungsrings für steile/lange Anstiege verzichtet wurde. Nach fünf Stunden Aufenthalt ohne mehr zu essen, als meine letzten mitgebrachten Butterbrote und Riegel ging ich im Dunkeln wieder auf die Reise, jetzt weit hinter dem Zeitlimit. Aber endlich wieder fahren! Allein auf weiter Flur durch die sternenklare Nacht. Um 1Uhr 49 am Dienstag früh stempelte ich in Fougères, 2h13min nach dem Zeitlimit. Trotz des Zeitdrucks bediente ich mich hier zum ersten Mal am Buffet und bekam mein Auswahl nur auf zwei Tabletts in den Speisesaal und dann doch nur mühsam alles in den Magen. In Tinténiac war der Rückstand schon kleiner, als zwei Stunden (1:44). Zwischen Tinténiac und Loudéac hatte ich den ersten Gegenverkehr- ein einzelner Radler, der erste und der letzte grüßten sich lautstark. Nach ein paar Minuten folgte eine Gruppe von etwa 20 Radlern und dann, erst einmal, lange wieder niemand. Der Einzelfahrer, Björn Lenhard, auch ein deutscher Erstteilnehmer hat diesen Vorsprung bis ins Ziel nach Paris gehalten und war somit der schnellste Teilnehmer in diesem Jahr- eine unglaubliche Leistung! Seine Reisebeschreibung kann man hier nachlesen: http://www.cielab.org/forum/comments.php?DiscussionID=18436&page=1#Item_1
Ein weiteres Ereignis auf dieser Etappe war die Begegnung mit dem armen Igel. Den konnte ich bergab mit gefühlt fast 60 Sachen im Dunkeln, (also waren es wohl eher nur 45 km/h) erst erkennen, unmittelbar bevor ich ihn mit dem linken Vorderrad überfuhr. Er tat mir ja echt leid. Wenig später erinnerte ich mich an die Berichte im Velomobilforum über den rauen, schlechten Asphalt der französischen Nebenstraßen. Oder ist das doch ein Platten? Genau so war es. Und die Rache des kleinen Mannes bestand aus einem seiner geknickten Stacheln, der bis zum Anschlag in meinen Reifen gebohrt war. Also schnell mit der Stirnlampe den Reifen gewechselt, noch einmal in die Büsche und gleich weiter!
In Loudéac war mein Rückstand auf 36 min geschrumpft, ich war also trotz der Panne fast wieder im Rennen!

Bei der „Geheimkotrolle“ in Saint Nicolas de Pélem hatte der Rückstand wieder auf 48 min zugenommen, aber man muss ja auch einmal etwas essen dürfen! Dafür war ich in Carhaix mit 12 min „Reserve“ wieder in der Zeit. Uff! In Carhaix gönnte ich mir also eine lohnende Pause, wieder mit warmem Essen von Buffet, dann aber auch mit einem Eisbeutel auf meine linke Achillessehne. Für die warf ich hier auch etwas Diclo und Paracetamol ein: die wichtigste Warnung der Erfahrenen ist ja, dass man auf den Anstiegen seine kleinen Gänge nutzen soll, um die Gelenke und Muskeln zu schonen- nur standen mir ja genau die nicht mehr zur Verfügung. Umso größer war an jedem Anstieg die Versuchung, das Austeigen und Schieben noch etwas nach oben zu verschieben, oder eben doch mit Kraft über die Kuppe hinwegzukommen. Nach 500km war die linke Achillessehne eindeutig geschwollen, schmerzhaft und knirschte gelegentlich. Zudem machten sich die Spitzen beider Kniescheiben bemerkbar. Nach der Pause mit Kühlung und Medikamenten ging es besser, was auch nötig war, denn jetzt stand der höchste der Hügel mit fast 400 Höhenmetern an. Mein Mantra bei den flachen und Abwärtspassagen wurde dann bis zum Ziel: locker mittreten. Der Schmerz war immer am größten, wenn ich wieder anfing zu pedalieren und blieb erträglich, wenn ich ohne oder mit wenig Kraft in Bewegung blieb.
Um Carhaix herum begann ich auch wieder, andere Radler einzuholen, zuerst das Tandem aus Indien, die schon ganz abgekämpft waren und später ging das Velomobilspiel wieder los. Besonders auf der Etappe nach Brest hinunter kam ich mit einem jungen Chinese ins Plaudern, der mich dann irgendwann fragte, für wie alt ich ihn halte: es war der jüngste Teilnehmer kurz vor seinem 18. Geburtstag. Von ihm verabschiedete ich mich in Brest mit Handschlag, bevor er zum Bahnhof fuhr um die Rückreise mit der Bahn anzutreten. Auf der langen Abfahrt Richtung Brest musste ich stellenweise bremsen, weil die Autos vor mir so langsam fuhren ;-). Hier hatte ich 18 min Reserve. Die Kontrollstelle war wieder in einer ziemlich abgewohnten Schule und sehr, sehr weitläufig. Die Toiletten im Kellergeschoss waren blöd für meine Sehnen (jetzt waren beide gleich schlecht) und es gab fast nichts mehr zu essen. Zum Glück nahm mein Vormann nur eine der drei belegten Baguettehälften (Sandwich á la Francaise) sodass mir zwei davon blieben, und etwas Suppe war auch noch da. Da ich immer noch in der ersten Garnitur fuhr und das Lohner Trikot trug, sprach mich Helmut Vogel aus Osnabrück an, ein etwas älterer Radler, der mit den Lohnern oft gemeinsame Touren macht. Er wünschte mir viel Glück für die Rückfahrt, hatte aber selbst in Brest die Entscheidung getroffen, dass er den Rückweg unmöglich in der Zeit schaffen könnte und deshalb dort abgebrochen.
Vor dem Rückweg nach Carhaix hatte ich ziemlichen Bammel, weil mir der Weg zurück über den Gipfel von PBP auf der Abfahrt sehr steil und lang vorgekommen war. In den Orten vor dem eigentlichen Anstieg hatte ich dann meinen Tiefpunkt der Fahrt. Es war heiß, es lief nicht mehr gut, die gute Laune hatte sich irgendwie verflüchtigt, seit Brest hatte ich ein Restaurant gesucht, und in dem Teil von Brest durch den wir fuhren keins gefunden, ….
Dann kam links der Straße ein Parkplatz mit einem Toilettenschild. Dort habe ich eine kurze Pause gemacht, mir zwei Gels und einen Powerbar und viel Flüssigkeit in den Bauch getan- und auf einmal war alles wieder gut! Ich konnte die Sonne genießen, die freundlichen Leute am Straßenrand mit ihren Anfeuerungsrufen: bonne courage, bonne chance, bonne route, habe noch an einem kleinen Kuchenstand gehalten und dann tatsächlich ein Restaurant gefunden. Die Küche hatte zwar noch zu, aber pasta carbonara kriegte ich dann doch schon. Den Wassersack nachgefüllt und dann reichte es tatsächlich wieder bis Carhaix. Hier hatte ich eine kleine Gruppe von Radlern aus England, mit denen ich bergauf ziemlich gleich schnell fahren konnte. Gemeinsam rollten wir dann noch einige andere Fahrer auf. Bis zum Gipfel nicht von mir überholen ließ sich jedoch ein etwas älterer Russe, der sich dafür auf dem Gipfel erst einmal hinlegen musste. Ich steckte ihm noch einen Riegel zu, bevor wir uns in einer ziemlich großen Gruppe auf der anderen Seite auf die Abfahrt nach Carhaix machten. Inzwischen war es ja auch wieder dunkle Nacht geworden, wieder sternenklar und in der Gruppe zunächst angenehm zu fahren. Als es wieder richtig runter ging, war ich jedoch wieder schneller und verlor die anderen hinter mir. In Carhaix bin ich diesmal ohne lange Pause gleich weiter gefahren. Bei der Geheimkontrolle kurz dahinter sagte man, in Saint Nicholas gäbe es viele Quartiere und es seien auch nur 30 km. Auf der Strecke dahin bemerkte ich, dass ich immer wieder nachdenken musste, ob die merkwürdigen Gestalten, die ich sah tatsächlich derartig merkwürdige Dinge waren? Meistens kam ich zu dem Schluss, dass es nur Bäume, Verkehrsschilder oder Strommasten waren, aber gelegentlich brauchte ich drei Anläufe, um zu dieser Schlussfolgerung zu gelangen. Schließlich fuhr ich 20 m in einen Seitenweg, packte meinen Schlafsack aus und schlief- etwa 3 Stunden, wie ich dem Garminprotokoll entnehme. Nach kaum 5 min. erreichte ich dann St. Nicolas und ging unter die Dusche. Nur duschen, nicht schlafen? Ja genau! Machte 1 €. Da aber in der Turnhalle gerade Stromausfall herrschte, bekam ich eine Taschenlampe mit. Handtücher waren auch alle, dafür gab es eine große Rolle Papierhandtuch. Die Duschköpfe hingen unter der Decke und wurden mit einer Kette aufgezogen. Irgendwann gab es dann merkwürdige elektrische Sensationen, als jemand am Sicherungskasten herummachte, aber nach meinem Warnruf wurde diese Arbeit erst einmal wieder eingestellt.

Somit kam ich in Loudéac mal wieder mit über einer Stunde Verspätung an. Nach der nächsten Etappe in Tinténiac war ich schon wieder in der Zeit, machte aber ohne wesentliche Pause gleich weiter. Dafür machte ich an einem Anstieg noch einmal ein Nickerchen: ich rollte rückwärts quer zur Straße ins Gras, weil die Feststellbremse auf Gefällestrecken nicht mehr hielt, die Bremsen zum Fahren aber genug hielten und ich keine Zeit aufs Bremsen einstellen verschwenden wollte. Dann nahm ich mir einen Powerbar und fing an zu kauen. Mein Eindruck war, dass die rechte Hirnhälfte zum Kauen nur in den Halbschlafmodus ging und die linke direkt mit dem Expressfahrstuhl in die Kelleretage mit dem Tiefschlaf hinabfuhr. Als der Riegel aufgemümmelt war, sprach mich jemand an, die Sherriffs kämen von hinten und könnten etwas gegen meine Parkposition haben. Also schob ich erste einmal weiter. Auf dem nächsten Abschnitt platzte dann, zum Glück noch auf dem Schiebestück, der Hinterreifen. Der Straßengraben war trocken, einigermaßen kurz gemäht, also alles ausgeladen Lukendeckel abmontiert und den Vogel quer über den Graben auf den Kopf. Hinterrad ausbauen, Reifenwechseln, Hinterrad wieder einbauen: 30 min! ich war wieder mal stolz auf mich. Dann noch einen Ausflug in die Büsche und weiter ging die Jagd! Da ich, wenn auch knapp, in der Zeit war leistete ich mir eine Auszeit, suchte eine Möglichkeit die französische Prepaidkarte nachzuladen, da ich seit Villaines keine Kontakt mit meiner Familie mehr gehabt hatte. Nachdem bei Super-U das Aufladen nicht funktionierte musst ich noch zum „Tabac“, in einem solchen Laden hatte ich die Karte schließlich auch gekauft und mit solchen Providern haben die großen Supermärkte natürlich nichts zu tun. Dafür bekam ich bei dem Tabac auch noch einen guten Kaffee, den ich während des Telefonierens trank ;-).

In Fougères hatte ich die Zeit wieder – fast- eingeholt und sputete mich, nach Villaines zu kommen. Als ich dort ankam, war es schon wieder Nacht, ich hatte ein wenig Zeitreserve und beschloss, nach der warmen Mahlzeit auch etwas zu schlafen. Als ich dort ankam, war ein regelrechtes Volksfest im Gange. Ich parkte zunächst ganz am Anfang der Absperrungen, ging stempeln und wollte dann erst den Milan auf den Fahrradparkplatz bringen. Dabei schob ich dann doch durch die gesamte „Boxengasse“ und hatte auf einmal den Bürgermeister mit einem Mikrofon vor mir. Ob ich derjenige sei, der auf dem Hinweg die lange Reparatur gehabt hatte? Oui. Ob ich mit dem Mechaniker zufrieden sei? Teils –teils. Und dann war ich wohl ziemlich kurz angebunden. Jedenfalls wurden mir noch zwei Damen hinterhergeschickt, die deutsch sprachen und denen ich dieses teils- teils dann noch etwas ausführlicher erklären konnte. Den méchanicien hatte ich da schon an seinem Stand besucht, er war ehrlich erfreut, dass ich es tatsächlich wieder zurück geschafft hatte! Nun also wurde das Kontrollheft zu Rate gezogen, wie viel Zeit bis Mortagne denn zu veranschlagen sei. Ich kam auf 1:00 Uhr Startzeit, um in der Zeit in Mortagne ankommen zu können und ließ mich in dem Matratzenlager um 1:00 Uhr wecken. Um 1:15 Uhr hatte ich das Garmin wieder gestartet und war also unterwegs. Da ich der Standzeit meiner Lichtakkus nicht ganz traute, hatte ich mir schon in Fougères eine starke Stirnlampe gekauft und mit deren Licht brach ich jetzt auf in die Nacht. Zunächst war ich allein unterwegs, die Lampe erhellte die Straße so leidlich, sodass ich mich am Mittelstreifen orientierte. Die Leuchtdreiecke der Streckenbeschilderung waren gut zu erkennen und bald fand ich vor mir die Rücklichter meiner Freunde vor mir – mes amies. Meist weit voraus, als Zeichen, dass die Straße schnurgerade war und ich beherzt zufahren konnte. Bald hatte ich einige wieder eingeholt, an den steilen Passagen, für mich ja Schiebestrecken kamen sie wieder, das Velomobilspiel eben. Nun kippte aber auch das Wetter, sodass wir alle dankbar für die Leute aus dem kleine Supermarkt in (?) Sougé-le Ganelon waren, die den Laden geöffnet hatten, eine Suppe und heiße Getränke anboten und Sitzplätze unter der Markise vor dem Haus und unter einem Pavillion auf dem Marktplatz bereitstellten. Das war, was viele von uns genau brauchten! Ein asiatisch aussehender Radler fror auf seinem Stuhl und jammerte, der Regen sei aber nicht vorhergesagt gewesen und er habe also auch keine Regenjacke dabei- ob das noch was werde könne für Ihn? Mir fiel meine gut verpackte Regenjacke ein, die ich im Velomobil eher nicht benötigte (an lange Schiebstrecken dachte ich in dem Moment nicht, und im Regen kamen sie ja tatsächlich nicht mehr) die ich ihm anbot. Er nahm sie gerne an und hat mir inzwischen geschrieben, dass er so ausgerüstet tatsächlich weitergefahren und rechtzeitig im Ziel angekommen ist. Und ich habe einen neuen Freund in England für gelegentliche Fahrradtouren ;-).

In Mortagne genoss ich erneut die besondere Gastfreundschaft für Randonneure aus Lohne, durfte mein Frühstück nicht bezahlen und war von dort dann im Endspurtmodus. Nach Dreux, zur letzten Kontrolle ging es überwiegend bergab, sodass sich kaum noch Gelegenheiten zum Velomobilspiel ergaben und ich einfach an allen Radlern, die ich sah vorbeizog. Eine besondere Form des Anfeuerung stellte die zahlreichen Rennradler dar, die freundlich grüßend die Strecke in Gegenrichtung abfuhren: jeder sah sie, fühlte sich nicht allein und sie konnten mit ihren frischen Beinen trotzdem niemanden frustrieren- genial! Auf den vielen kleinen Straßen fast ohne Verkehr, aber mit vielen, vielen Stoppschildern zog ich mir dann noch den Unmut der Motorradeskorte zu, die mich in Dreux am Kontrollpunkt zur Rede stellten und verwarnten. In Dreux stempelte ich nur, fiel auf dem glatten Boden der Turnhalle, wo noch hunderte Leute beim Essen saßen fast auf den Hintern, weil ich mit den Fahrradschuhen keinen zu meinem Schwung passenden Halt bekam- konnte mich aber so eben noch auf den Füßen halten. Dann füllte ich zum letzten Mal meinen Wassersack, das Wasser dort ist wirklich unangenehm gechlort, trotz Elektrolytpulver. Und weiter ging der Endspurt. Am Orstsausgang ging es rechtwinklig in einen Nebenstraße, deren Fahrbahn total verschlammt war. Da hoffte ich nur, dass ich die Spur halten könnte, das ging auch. 20 m weiter war dann aber der rechte Vorderreifen platt, also schnell in 12 min den letzten Reservereifen aufgezogen und weiter Leider blieb es nicht lange flach, sodass das Velomobilspiel wieder begann. Ein Radler mit asiatischen Gesichtszügen und weißem Windbreaker meinte es dann auf den letzten 20 – 30 km sehr ernst damit. In den letzten Anstiegen vor dem Ziel hatte ich eigentlich beschlossen, ihn ziehen zu lassen, wenn er dies zu seinem Glück brauchte, aber auf den flachen Wegen der letzten km im Erholungsgebiet hatte er dann am Ende doch das Nachsehen 😉
Nach meiner letzten Reifenpanne standen noch dutzende Radler an der Seite und flickten oder wechselten ihre Reifen. Der Matsch, der dort auf der Straße lag, war offenbar mit vielen scharfen Splittern durchsetzt.

Nach dem letzten Schiebe-Anstiege im Wald gab es noch einmal einen Wasserstand, dort goss ich mir noch zwei Becher Wasser über den Kopf und in den Rücken und sauste weiter.

Ja und dann war auf einmal das Ziel da, meine Monika stand an der Absperrung-und ich war glücklich, ziemlich erschöpft, etwas hungrig und sehr, sehr zufrieden.


 

Das hat geklappt:
Kondition, Fokus, Versorgung mit Elektrolyten als Getränkepulver für die ganze Tour, Energieriegel und Gels waren überreichlich dabei.

Quartier in Ville d’Avray sehr angenehm und nicht wirklich zu weit vom Start.

Kommunikation durch Wiedererstehen meines Schulfranzösisch.

Ausreichend Reservereifen dabei

Hinterrad- Reifenwechsel in guter Zeit unterwegs

Vorderrad Reifenwechsel schnell im Dunklen

Trinken mit dem 2l Reservoir und Trinkschlauch klappte optimal

Das hat nicht geklappt:

Technische Vorbereitung des Velomobils, so dass keine größeren Pannen eintreten können.

Pausen genießen

Bilder und Videos von der Actioncam live an die Familie senden.

Mit den schnellsten Reifen auf dem Markt auch Zeit herausholen.

Die vorher erwartete Durchschnittsgeschwindigkeit erreichen

Dank:

Meiner lieben Frau Monika für ihre unendliche Geduld

Den Mechaniciens an allen Kontrollstellen, für mich besonders herzlich an die in Guyancourt, Mortagne und Villaines

Den Organisatoren von PBP für dieses herrliche Fest, die perfekte Streckenausschilderung, die gute Organisation für die vielen tausend Teilnehmer- Chapeau!

Den begeisterten Zuschauern, den vielen lieben Menschen an den improvisierten Getränke- und Verpflegungsstellen- diese Begeisterung verleiht Flügel!

Fazit:

Meine erste Randonneurs-Saison war nicht die letzte, mit gleicher persönlicher Vorbereitung und besserer technischer Vorbereitung des Velomobils geht beim nächsten Mal noch etwas!

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